FDP Charlottenburg-Wilmersdorf

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Der 9. November 2009 ist vorbei. Endlich!

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Ich kann also wie gewöhnlich wieder von Berlin nach Potsdam fahren. Ich kann normal ins Deutsche Theater gehen, „obwohl“ ich im Westen Berlins wohne. Ich kann mit der Bahn von Spandau nach Friedrichshagen fahren und von dort nach Neuenhagen wandern – ohne Ausweis, Passierschein und Kontrolle.


Zwar muss ich damit rechnen, dass die S-Bahn zeitweilig nicht fährt, weil irgendetwas mit der Stromzufuhr nicht funktioniert. Oder es kann passieren, dass der Regionalzug im Ostbahnhof stehen bleibt, weil das Ablösepersonal nicht gekommen ist. Auch kann sein, dass ich auf dem Rückweg von Neuenhagen nach Hoppegarten den „SEV“ (= „Schienenersatzverkehr“) nehmen muss, da die S-Bahn in Hoppegarten endet. Da stört mich wenig, dass mich der Busfahrer anschnauzt: „Die Fahrkarte hätten se schon längst beim Automaten koofen können. Jetzt jeht allet vonner Zeit ab!“

Das nehme ich in Kauf, denn ich bewege mich im profan vereinten Deutschland und muss nicht fürchten, Lech Walleca oder Hillary Clinton über den Weg zu laufen, wenn ich die alltägliche Einheit erlebe. Auch brauche ich nicht mehr die Rheinländerin Alice Schwarzer ertragen, wie sie sich als DDR-Kennerin outet und zu verstehen gibt, dass sie weiß, was „Bückware“ war.


Die Party ist aus. Sogar die nachgestellte Mauer aus überdimensionierten Legosteinen wird abgeräumt, und das Brandenburger Tor ist wieder – wie Ronald Reagen es einst gefordert hat – „open“. Da kann jetzt Silvester gefeiert werden oder Lukas Podolski auftreten. Barack Obama dagegen wird so leicht nicht an diesen Ort kommen. Das hat ihm die Weltkanzlerin Angela Merkel verboten. Und dass wieder braune Horden mit Fackeln durchs Tor ziehen, so dass es dem Beobachter Max Liebermann einst zum „Kotzen“ wurde, befürchtet niemand. Die Party ist aus, und manchmal – wenn sie das richtige „Zeitfenster“ erwischen – können sogar ganz normal wiedervereinigte Deutsche unter dem geduldigen Tor flanieren.

„Ach, die Menschheit ist so gut, wenn die Leiche stinken tut!“, reimte einst Ingo Insterburg in West-Berlin. Das ist jetzt weg, ebenso wie die DDR. Diese wurde durch die „friedliche Revolution“ zerstört, lernten wir jetzt. Aber dass diese „Revolution“ nur erfolgreich sein konnte, weil das Sowjetsystem implodiert war und weil dessen „bewaffnete Organe“ wie die „Rote Armee“, die „Volksarmee“ oder die „Volkspolizei“ die Waffen stecken ließen, davon wurde wenig geredet am Jahrestag. Hinterher muss Geschichte heroisch sein, und sie war doch nur profan.

Viele Bürgerbewegte im Osten träumten dagegen von einem „dritten Weg“, und im Westen hatten ohnehin nur die Alten wie Helmut Kohl oder Willy Brandt „Bock“ auf die nationale Einheit. Die Zahl der Gegner der Einheit war Legion – in Ost und West. Die Mehrheit der frei gewählten Abgeordneten in der Volkskammer jedoch sah, dass die DDR nicht nur danieder lag, sondern auch herrenlos geworden war. So wagten sie den Anschluss an die politisch und wirtschaftlich erfolgreiche Bundesrepublik, gegen den Willen der Mehrheit deren Bevölkerung.


Die Geschichte hat den Deutschen die Einheit gebracht und nicht die vielen Politiker, Künstler und Journalisten, die sich heute als Vorkämpfer rühmen. Einige wie Helmut Kohl haben zur rechten Zeit den Weg zur Einheit eingeschlagen. 1989 konnte man lernen, dass die Geschichte keine moralische Instanz ist, denn viele hatten die Spaltung ja als „Strafe“ für die Verbrechen der Nationalsozialisten verstanden. Dabei war das einfach die Folge der internationalen Machtkonstellation in der damaligen Zeit.

 

Nun ist die Einheit deutscher Alltag. In den Touristenfliegern nach Mexiko, Fernost oder Dubai sitzen verrentete Ossis und erzählen gerne, in welchen Weltengegenden sie überall schon waren. Die einst verfallenen Städte im Osten Deutschlands sind restaurieret, doch eine bürgerliche Gesellschaft baut sich selten wieder auf. Die smarten jungen Mädchen aus dem Osten gehen nach München, Zürich oder Innsbruck und finden dort Jobs und wohl auch Heimat. Trabbis oder Wartburgs sieht man noch ganz selten, und es ist nur zwanzig Jahre her, dass sie den Ku`damm vernebelt haben. Die soziale Sicherheit hat in Ost und West nachgelassen; Leittragende sind vor allem die jungen Menschen im ganzen Lande. Und als Wähler haben die vereinten Deutschen die Freiheit genutzt, um dem Sozialismus eine parlamentarische Stimme zu geben, die doch so gesamtdeutsch gestimmte Sozialdemokratie zu schwächen und dem Liberalismus eine Chance zu geben. Wer hätte das gedacht?

 

Nach außen hin ist Deutschland, das einst so kriegerisch wirkte, friedlich geworden. Man befindet sich zwar im fernen Afghanistan in einem Krieg, will das aber nicht wahr haben. In Europa muss kein noch so kleines Land befürchten, von Deutschland kujoniert zu werden. In die Europäische Gemeinschaft ist das vereinte Deutschland so eingebettet, dass es gegen den Willen der anderen nichts Entscheidendes tun kann. Das war der Preis der Einheit, den die Bundesregierung seinerzeit zahlen musste.

Opel, Quelle und andere sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Hatten viele 1989 noch gedacht, dass Überkapazitäten durch die gewaltigen Märkte im Osten kompensiert werden, so ist der Osten zum Konkurrenten des vereinten Vaterlandes geworden. Wenn Handys im ehemaligen Ostblock günstiger produziert werden können, dann geht die Produktion eben dahin. Der Osten Europas ist nicht einfach „Raum“ für das größere Deutschland. Er hat sich zur Konkurrenz gemausert. Auch das gehört zur Einheit.

Aber schön ist es doch. Auch ohne „Gorbi“ und „Sarko“ lässt es sich mittlerweile im vereinten Deutschland ganz gut leben. Will der Ossi nach Bayern, kann er ganz einfach dahin fahren und bei der Gelegenheit studieren, wie die Straßen bei ihm zu Hause vor 20 Jahren aussahen. Will der Wessi nach Mecklenburg, dann reist er dorthin. Dafür braucht er keinen Passierschein.

Sogar die Verwandten in Sachsen, Brandenburg oder Hessen kann jeder Deutsche ohne alle Formalitäten jederzeit besuchen. Einige finden allerdings, dass es so weit nun wiederum auch nicht gehen muss.

 

Jürgen Dittberner

November 2009

 

 

 

 

Aktueller Hinweis

Ich kann also wie gewöhnlich wieder von Berlin nach Potsdam fahren. Ich kann normal ins Deutsche Theater gehen, „obwohl“ ich im Westen Berlins wohne. Ich kann mit der Bahn von Spandau nach Friedrichshagen fahren und von dort nach Neuenhagen wandern – ohne Ausweis, Passierschein und Kontrolle.


Zwar muss ich damit rechnen, dass die S-Bahn zeitweilig nicht fährt, weil irgendetwas mit der Stromzufuhr nicht funktioniert. Oder es kann passieren, dass der Regionalzug im Ostbahnhof stehen bleibt, weil das Ablösepersonal nicht gekommen ist. Auch kann sein, dass ich auf dem Rückweg von Neuenhagen nach Hoppegarten den „SEV“ (= „Schienenersatzverkehr“) nehmen muss, da die S-Bahn in Hoppegarten endet. Da stört mich wenig, dass mich der Busfahrer anschnauzt: „Die Fahrkarte hätten se schon längst beim Automaten koofen können. Jetzt jeht allet vonner Zeit ab!“

Das nehme ich in Kauf, denn ich bewege mich im profan vereinten Deutschland und muss nicht fürchten, Lech Walleca oder Hillary Clinton über den Weg zu laufen, wenn ich die alltägliche Einheit erlebe. Auch brauche ich nicht mehr die Rheinländerin Alice Schwarzer ertragen, wie sie sich als DDR-Kennerin outet und zu verstehen gibt, dass sie weiß, was „Bückware“ war.


Die Party ist aus. Sogar die nachgestellte Mauer aus überdimensionierten Legosteinen wird abgeräumt, und das Brandenburger Tor ist wieder – wie Ronald Reagen es einst gefordert hat – „open“. Da kann jetzt Silvester gefeiert werden oder Lukas Podolski auftreten. Barack Obama dagegen wird so leicht nicht an diesen Ort kommen. Das hat ihm die Weltkanzlerin Angela Merkel verboten. Und dass wieder braune Horden mit Fackeln durchs Tor ziehen, so dass es dem Beobachter Max Liebermann einst zum „Kotzen“ wurde, befürchtet niemand. Die Party ist aus, und manchmal – wenn sie das richtige „Zeitfenster“ erwischen – können sogar ganz normal wiedervereinigte Deutsche unter dem geduldigen Tor flanieren.

„Ach, die Menschheit ist so gut, wenn die Leiche stinken tut!“, reimte einst Ingo Insterburg in West-Berlin. Das ist jetzt weg, ebenso wie die DDR. Diese wurde durch die „friedliche Revolution“ zerstört, lernten wir jetzt. Aber dass diese „Revolution“ nur erfolgreich sein konnte, weil das Sowjetsystem implodiert war und weil dessen „bewaffnete Organe“ wie die „Rote Armee“, die „Volksarmee“ oder die „Volkspolizei“ die Waffen stecken ließen, davon wurde wenig geredet am Jahrestag. Hinterher muss Geschichte heroisch sein, und sie war doch nur profan.

Viele Bürgerbewegte im Osten träumten dagegen von einem „dritten Weg“, und im Westen hatten ohnehin nur die Alten wie Helmut Kohl oder Willy Brandt „Bock“ auf die nationale Einheit. Die Zahl der Gegner der Einheit war Legion – in Ost und West. Die Mehrheit der frei gewählten Abgeordneten in der Volkskammer jedoch sah, dass die DDR nicht nur danieder lag, sondern auch herrenlos geworden war. So wagten sie den Anschluss an die politisch und wirtschaftlich erfolgreiche Bundesrepublik, gegen den Willen der Mehrheit deren Bevölkerung.