FDP Charlottenburg-Wilmersdorf

Bildungspolitik in B und anderswo

Programmdiskussion, -entwürfe und -vorschläge zur Landespolitik

Bildungspolitik in B und anderswo

Beitragvon jph7777 » 22. Jun 2010, 13:44

Liebe Parteifreunde,

ich bin Neuberliner und möchte ein paar allgemeine Aspekte meiner Meinung bezüglich Bildungspolitik kundtun. An dieser Stelle sei auch auf das mit dem Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, geführte Interview auf Spiegel Online verwiesen (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,700334,00.html), dessen Erkenntnisse die FDP UNBEDINGT programmatisch weiter verwerten sollte.

a) Das Hauptproblem des deutschen Bildungssystems sind jene 20 %, die entweder überhaupt keinen Abschluß erlangen, oder auch instantly nach ihrem Hauptschulabschluß Empfänger staatlicher Bezüge werden. Diese armen Menschen muß auch unsere Partei als Opfer erkennen, denen AKTIVE Teilhabe an unserem wunderbaren deutschen Staat zu ermöglichen ist, anstatt "spätrömische Dekadenz" (Pfui, Guido!) anzumahnen und sie lediglich sanktionieren zu wollen. So etwas ist keine linke Fantasterei, sondern letztenendes auch für die "Leistungsträger" in der FDP und anderswo preiswerter. Ich glaube, bei Herrn Lindner heißt das "Mitfühlender Liberalismus"...

b) Kleinere Klassengrößen sind populär, dennoch auch eine populistische Forderung, die zwar gut klingt, bei der aber sehr hohe Kosten den letztlichen (empirisch meßbaren) Ertrag nicht rechtfertigen. Die FDP sollte hier Eltern (bei der weitverbreiteten Modeerscheinung, von seinem Kind zu denken, es sei "hochbegabt" anstatt einfach nur faul) nicht allzu sehr nach dem Mund reden, und sich stattdessen auf nachprüfbare wissenschaftliche Fakten berufen. Naive, idealistische Vorstellung von mir...

c) Beispiel Dänemark: Dort sind SÄMTLICHE Lehrmittel (vom Bleistift über Schulhefte bis hin zu Büchern und auch Schulverpflegung) für JEDES (ob Millionärs-, Migranten- oder sozial schwaches) Kind kostenlos und werden direkt in der Schule zur Verfügung gestellt. Das ist zwar sehr teuer, aber dafür zahlt jeder Däne auch gern seine hohen Steuern. Was können wir hier in Berlin bzw. Deutschland daraus lernen?

d) Es ist kontraproduktiv und gesamtgesellschaftlich gefährlich, wenn sich die problematischsten Schüler auf wenige Schulen konzentrieren. Auch dort sollte die Politik an vordergründigen Elterinteressen vorbei für Ausgleich sorgen, alles andere (Aufhebung der Schulbezirksgrenzen) ist unsolidarisch und rücksichtslos egoistisch.

e) Zitat J. Baumert: "Die fachlich besser ausgebildeten Lehrkräfte unterrichten unter bevorzugten Bedingungen an Gymnasien. Die kürzer und fachlich weniger anspruchsvoll ausgebildeten Lehrkräfte werden dort eingesetzt, wo pädagogische Professionalität und fachliche und fachdidaktische Kreativität besonders gefordert sind - nämlich im Unterricht der schwächeren und schwächsten Schüler." Die zweigeteilte Lehrerausbildung ist zu reformieren.

Soviel erst einmal von mir. Bei allen Finanzierungsvorbehalten muß klargemacht werden, daß die Folgekosten bei Unterbleib noch viel höher ausfallen werden.

Noch einmal: Interview lesen; sehr lehrreich!

Li(e)berale Grüße

Johan Heller
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Nicht mein richtiger Name?

Beitragvon jph7777 » 23. Jun 2010, 15:45

"Johan Heller" IST mein richtiger Name, jph7777 meine Initialen und Geburtsdatum, also durchaus personell nachvollzieh- und auf mich rückschließbar, kein Fantasiename. Ich bin FDP-Mitglied (Nr. 1000055575) und im BV Charlottenburg-City. Da ist dieses Forum GENAU das richtige für mich, denke ich. Vielleicht sehen wir uns morgen bei der Datenschutz-Veranstaltung.

Grüße

jph bzw. Johan Paul Heller
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Re: Bildungspolitik in B und anderswo

Beitragvon Thomas Giesau » 27. Jun 2010, 14:59

d) Es ist kontraproduktiv und gesamtgesellschaftlich gefährlich, wenn sich die problematischsten Schüler auf wenige Schulen konzentrieren. Auch dort sollte die Politik an vordergründigen Elterinteressen vorbei für Ausgleich sorgen, alles andere (Aufhebung der Schulbezirksgrenzen) ist unsolidarisch und rücksichtslos egoistisch.

e) Zitat J. Baumert: "Die fachlich besser ausgebildeten Lehrkräfte unterrichten unter bevorzugten Bedingungen an Gymnasien. Die kürzer und fachlich weniger anspruchsvoll ausgebildeten Lehrkräfte werden dort eingesetzt, wo pädagogische Professionalität und fachliche und fachdidaktische Kreativität besonders gefordert sind - nämlich im Unterricht der schwächeren und schwächsten Schüler." Die zweigeteilte Lehrerausbildung ist zu reformieren.


Zu d.: Die Qualität der Schulausbildung hat in Berlin von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedliche Probleme zu lösen, während wie Bezirke wie Marzahn mit Schülerrückgang kämpfen werden die Schüler in Pankwow schon im Grundschulalter in andere Stadtteile geschickt, weil es schlicht nicht möglich ist diese Wohnortnah zu unterrichten. Der Bildungsminister in Brandenburg hat die zum Teil schlechte Ausbildung der Lehrer in der Nachwendezeit als Ursache für schlechte Leistungen in Politik (in Brandenburg heißt das glaube ich Gemeinschaftskunde) und Englisch als Ursache ausgemacht. Die Bindung der Schulen an einen Wohnrt der Kinder verschärft die Probleme in Berlin und löst wirklich keines der von Ihnen richtigerweise angesprochenen Probleme.

Thema Lehrerausbildung: Es kann schlicht und ergreifend nicht sein, das jemand 2-3Jahre studiert um dann festzustellen er kann nicht vor eine Klasse treten und einen Unterricht machen. Die fachliche Ausbildung nimmt im Pädagogik Bereich 60-75% der Zeit in Anspruch, die Pädagogische Ausblidung nur den Rest
Die Ausbildung muss sich mehr an der Praxis orientieren und zukünftige Lehrer müssen bereits im ersten Semester an die Schulen gebracht werden, als Unterstützungslehrer Hausaufgabenbetreuer u.s.w.
Weiteres Probleme:
Wir finanzieren Soziale Träger in Berlin mit wirklich riesigen Summen, sehen aber nicht die Möglichkeit an jeder Schule mindestens 1 in Schwerpunktschulen 2-3 Sozialarbeiter zu bezahlen. Die primäre Aufgabenstellung dieser Sozialarbeiter sollte sein, das Spannungsfeld was sich mitunter zwischen Lehrer und Schüler aufbaut zu entschärfen und die Rolle die ein Lehrer nur zum Teil ausfüllen kann, nämlich zu erziehen und das was im Elternhaus schlicht oft nicht gemacht wurde, mit wahrzunehmen.
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Re: Bildungspolitik in B und anderswo

Beitragvon jph7777 » 28. Jun 2010, 11:36

Thomas Giesau hat geschrieben: Die Qualität der Schulausbildung hat in Berlin von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedliche Probleme zu lösen, während wie Bezirke wie Marzahn mit Schülerrückgang kämpfen werden die Schüler in Pankwow schon im Grundschulalter in andere Stadtteile geschickt, weil es schlicht nicht möglich ist diese Wohnortnah zu unterrichten. Der Bildungsminister in Brandenburg hat die zum Teil schlechte Ausbildung der Lehrer in der Nachwendezeit als Ursache für schlechte Leistungen in Politik (in Brandenburg heißt das glaube ich Gemeinschaftskunde) und Englisch als Ursache ausgemacht. Die Bindung der Schulen an einen Wohnrt der Kinder verschärft die Probleme in Berlin und löst wirklich keines der von Ihnen richtigerweise angesprochenen Probleme.


Ich bin, wie gesagt, neu in B, und mit den Feinheiten in Marzahn und Köpenick nicht so vertraut (obwohl ich natürlich weiß, wo das jeweils ist). Ich meinte einen Exodus der guten Schüler aus "schlechten" Stadtteilen zu prestigeträchtigeren Schulen, der politisch so nicht gewollt sein kann. Jedenfalls, wenn man die Gesamtgesellschaft im Auge, und es sich nicht zur Aufgabe gemacht hat, vermeintliche FDP-Wähler-Kerngruppen zu übervorteilen. Und die FDP MUSS, wenn sie Wahlen malwieder gewinnen will, jeden potentiellen Wähler im Auge haben, und nicht bloß ihre Peergroup.

Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß eine liberale Gesinnung in JEDEM/-R, unabhängig vom Einkommen, schlummern kann, und daß in der Wahlkabine JEDE/R nur ein Kreuz hat.

Nebenbei gesagt habe ich 1997 sehr behütet in Kiel Abi gemacht; auch an einem eher "elitären" Gymnasium, wo der Anteil sozial schwächer Gestellter (oder gar Ausländer...) sehr gering war. Im Allgemeinen denke ich dennoch, daß es keine Schulen geben darf, wo jene Schüler übrig bleiben, die von ihren Eltern nicht bewußt woanders hin geschickt werden. Im Speziellen gebe ich Ihnen dort, wo Sie es exemplarisch an Marzahn und Köpenick aufzeigen, recht. Auch nehme ich an, daß es in B zahlreiche Privatschulen (Waldorf-, Amerikanische, Französische, ... Schule) gibt, für die ja per se ebenfalls keine Schulbezirksgrenzen gelten.

Thomas Giesau hat geschrieben:Wir finanzieren Soziale Träger in Berlin mit wirklich riesigen Summen, sehen aber nicht die Möglichkeit an jeder Schule mindestens 1 in Schwerpunktschulen 2-3 Sozialarbeiter zu bezahlen. Die primäre Aufgabenstellung dieser Sozialarbeiter sollte sein, das Spannungsfeld was sich mitunter zwischen Lehrer und Schüler aufbaut zu entschärfen und die Rolle die ein Lehrer nur zum Teil ausfüllen kann, nämlich zu erziehen und das was im Elternhaus schlicht oft nicht gemacht wurde, mit wahrzunehmen.


Wie ist beim Thema, Sozialarbeiter und Psychologen direkt in den Schulen anzustellen, die Beschlußfassung in der Berliner FDP? Vermutlich Fundamentalopposition zu Grün / Rot / Dunkelrot (die das fordern), obwohl das nun wirklich das einzig Vernünftige ist. Schade... Noch einmal: anfangs teuer; Folgekosten bei Unterlaß doppelt und dreifach.
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