FDP Charlottenburg-Wilmersdorf

Austausch der Gaslaternen

Alles um die Landespolitik

Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Hans Deutsch » 24. Apr 2008, 11:40

Vor einiger Zeit sah ich in der Berliner Abendschau einen Bericht, wonach die Umstellung der Berliner Gaslaternen auf elektrische Beleuchtung vorgesehen ist. Ich habe das so verstanden, dass die alten
Kandelaber umgerüstet werden, also weiter genutzt werden.
Jetzt erreicht mich eine Unterschriftensammlung einer "Gaslichtinitiative Berlin" (www.proGaslicht.de) die sich gegen die Elekktrifizierung ausspricht mit den Argumenten
-Das Einsparpotenzial betrage nicht, wie angegeben, jährlich 6 Mio € sondern 3,75 Mio €
-Die Investitionen sollen nicht, wie angegeben 77Mio € sondern mehr als 130 Mio € betragen
-Die alten Kandelaber würden gegen neue ausgetauscht.
Die Initiative geht angeblich von Frau Dorithee Dubrau, Baustadträtin im Bezirk Mitte, aus.
Wer kann etwas zu dem Thema beitragen? Welche Zahlen sind richtig?
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Re: Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Bettina Grimm » 24. Apr 2008, 21:32

Hallo,
in der Tat geistern eine Menge Zahlen um die Kosten der Berliner Öffentlichen Beleuchtung herum. Ich möchte es versuchen, kurz zu machen. Baustadträtin Dubrau vom seinerzeit zuständigen Bezirk Mitte hatte im April 2005 die Idee, die Berliner Gasbeleuchtung bis auf einen Restbestand (für touristisch interessante Stadtteile) zu demontieren und durch elektrische Beleuchtung zu ersetzen. Sie sprach damals von etwa 50 Millionen Euro Kosten. Im Oktober korrigierte sich die Dame dann auf 83 Mio. Euro Kosten. Unklar blieb, was alles zu diesen Kosten gehören sollte. Jetzt ist die Situation so, dass SenStadt offenbar wieder auf das Dubrau-Konzept zurückgreift. So sollen in einer ersten Phase von 5 Jahren 8400 Gasreihenleuchten ersetzt werden. Kosten dafür laut SenStadt: 25 Mio Euro. Man geht von 3000 Euro pro Leuchte (Austausch) aus. Danach sollen alle Gasaufsatzleuchten (das sind die mit dem silbrigen Aluminiumdach) verschwinden. Kosten: 30000 Aufsatzleuchten x 3000 Euro (Stand heute), also nochmal 90 Mio Euro. Macht zusammen schon 115 Mio Investitionskosten. Es sollen aber wohl alle 44000 Gasleuchten weg. Dass heißt dann: 132 Mio Euro Invest.kosten. Das war es aber noch nicht. Verschwiegen wird, dass bei Demontage von älteren Gasbeleuchtungsanlagen der Bestandsschutz wegfällt und nach EU-Normen die neue elektrische Beleuchtung teilweise dichter gestellt werden muss. Egal, ob die dann nachts gedimmt oder jede zweite ausgeschaltet wird. Dies bedeutet nach Berechnung von Licht-Fachkreisen ein Multiplikator von 1,3. Genauer: 44000 entfernte Gasleuchten sind durch etwa 57000 elektrische Leuchten zu ersetzen. Kosten nun 57000 x 3000 = 171 Mio Euro. Das alles verschweigt SenStadt. Nun zu den Wartungs- und Instandhaltungskosten Gas/Strom. Fakt ist, Gasleuchten sind natürlich teurer in der Unterhaltung, wir (die Gaslichtinitiative) gehen von etwa 180 Euro Mehrkosten jährlich pro Gasleuchte aus. Das wären 7,92 Mio Euro jährlich. Tatsache ist aber auch: Gasleuchten sind sowohl hinsichtlich Mast als auch Leuchte etwa 2-3mal langlebiger als eine elektrische Leuchte. 60 Jahre für eine Leuchte und 100 Jahre für einen Mast sind bei Gas keine Seltenheit , es gibt in Berlin noch etwa 2000 Gasmaste (Guss-Bündelpfeiler), die älter als 170 Jahre alt sind. Das relativiert natürlich wieder die Mehrkosten bei Ersatz, Wartung und Instandhaltung deutlich. Schließlich bezweifeln wir die von SenStadt geplanten 3000 Euro pro Umrüstung einer Leuchte. Schon vor 2 Jahren kostete der Austausch von Elektro- zu Elektroleuchte in Prenzl. Berg über 3500 Euro. Bei Umrüstung von Gas auf Strom müssen Sie definitiv 2 Sparten beauftragen. Keine E-Firma hat eine Zulassung zum Arbeiten am Gasnetz. Sie benötigen 3 Baugruben, eine für die alte Leuchte, eine für das Entfernen des Gaszuleitungsrohres und eine für die E-Leuchte. Ein immenser Aufwand. Dies alles führt uns zu dem Ergebnis, dass sich eine Demontage der Berliner Gasleuchten aus wirtschaftlichen Gründen definitiv nicht rechnet. Die immer wieder auftauchenden unterschiedlichen Zahlen sind auf die ständig abweichenden Zahlen von Sen Stadt zurückzuführen. Im Beleuchtungskonzept von SenStadt vom September 2007 waren z.B. auf Seite 12 Kosten zur Unterhaltung von Gas- und Strom-Leuchten angegeben, die sich inzwischen (wieder mal) als verkehrt herausgestellt haben. Bei Elektro hatte SenStadt 939000 Euro zuwenig angegeben als nun tatsächlich angefallen, bei Gas 852000 Euro zuviel. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Wir meinen, Investitionen sollten vor allem in die zu großen Teilen sanierungsbedürftige Elektrobeleuchtung gesteckt werden. Die Gasleuchten zu demontieren, würd sich auch nach Jahrzehnten nicht rechnen und ist ein stadtgestalterischer Frevel. So, nun aber gut...und keine Zahlen mehr! Gern können Sie unsere Web-Seite benutzen: www.progaslicht.de. Ich hoffe, Ihnen mit Infos ein bisschen weitergeholfen zu haben und wünsche Ihnen einen schönen Abend.
Bettina Grimm von der Gaslichtinitiative
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Re: Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Mathias Goldstein » 25. Apr 2008, 09:23

Der FDP-Abheordnete v. Lüdecke beansprucht namens seiner Fraktion das Urheberrecht für die Idee, die Gaslaternen mit elektrischen Leuchten zu ersetzen. Hier seine Presseerklärung:

„Medienberichten zufolge will der Senat endlich den Forderungen der FDP-Fraktion nachkommen und statt lediglich 8.400 nun insgesamt über 38.000 Gasleuchten durch Elektroleuchten ersetzen.

Jetzt muss der Senat dieses Vorhaben kostengünstig und schnell umsetzen. Die FDP-Fraktion fordert deshalb die Umstellung der Bewirtschaftung der öffentlichen Beleuchtung auf ein Betreibermodell. Außerdem fordert die FDP-Fraktion ein Gesamtkonzept für die öffentliche Beleuchtung in Berlin. Wir wollen durch den gezielten Einsatz von Licht, von optimierten Leuchten und effizienter Lampentechnologie auf den Berliner Straßen, Plätzen und in Grünanlagen ein höheres Beleuchtungsniveau und geringere Betriebskosten erreichen. Obwohl dies Steuergelder spart, führt es zu einer besseren Orientierung der Verkehrsteilnehmer in der Stadt, erhöht die so die Verkehrssicherheit und senkt die Emissionen. Auch kriminalpräventive Funktionen erfüllt ein solches Lichtkonzept. Die Umrüstung der Gasleuchten bietet also eine Chance, das vielerorts schlechte Beleuchtungsniveau endlich zu verbessern. Andere Städte haben dieses bereits erkannt und rüsten zurzeit ihre Gasleuchten sowohl aus Umweltschutzgründen als auch aus Kostengründen um, zum Beispiel Worms, Hagen und Kiel.

Das romantische Faible der CDU-Fraktion für Gaslaternen geht dagegen an den Realitäten vorbei. Weder können sich die Berliner die immensen Betriebs- und Instandhaltungskosten der Gasleuchten leisten, noch braucht diese Stadt mehr dunkle Orte, an denen sich die Bürger unsicher fühlen. Ferner sollte die neuerdings betont umweltbewusste Berliner CDU zur Kenntnis nehmen: Jede Gasleuchte gibt pro Stunde rund 200 Gramm CO2 ab, so viel wie ein Auto durchschnittlich pro Kilometer. Um in Berlin halbwegs brauchbares Licht zu erzeugen, muss die Gasflamme mit einer Leistung von rund 1.000 Watt brennen. Das wiederum erzeugt in Berlin jährlich mehr als 40.000 Tonnen CO2. Außerdem fallen jedes Jahr zusätzlich ca. 50 Kilogramm schwach radioaktiver Sondermüll an, denn das Leuchtmittel besteht aus Thoriumoxid. Vom Gasverlust iHv rund 700.000 Kubikmetern jedes Jahr durch undichte Leitungen und vom Wind ausgeblasene Laternen ganz zu schweigen.“


Nun fragt man sich, ob die Fraktion sich bei der Beschlussfassung über die viel höher als ursprünglich angenommenen Kosten (Stichwort "3 Baugruben", Stichwort "dichtere Stellung laut EU-Norm") bewusst gewesen ist.

Was Herr v. Lüdecke als "romantisches Faible" verspottet, deutet darüber hinaus auf ein emotional besetztes Thema hin, an dessen Annäherung vieles an die Argumentation der Tempelhof-Befürworter erinnert. Ob sich das Berliner Stadtbild dabei dem von Hagen oder Kiel annähern soll, scheint dagegen Geschmackssache - nur dem kulturbeflissenem Bürgertum (das doch bitte mal wieder die Berliner FDP wählen soll) wird es nicht recht sein.

Bleibt das Argument der Energiekosten, wobei geflissentlich der Energieaufwand zur Herstellung der neuen Lampen und der Umbauaufwand herausgerechnet wird. Überzeugend scheint mir das nicht, zumal der Strom nicht nur aus der Steckdose kommt, sondern von den Braunkohlegruben in der Lausitz.

Sarkastischer Nachgedanke: Wäre es im Sinne einer besseren Kriminalitätsprävention nicht sinnvoll, die Stadt flächenddeckend mit Flutlicht zu beglücken?

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Re: Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Nils Augustin » 25. Apr 2008, 09:52

Hans Deutsch hat geschrieben:... von Frau Dorithee Dubrau, Baustadträtin im Bezirk Mitte ...

Jenseits des Themas "Gaslaternen" erlaube ich mir für das Protokoll die kleine Anmerkung, dass zur Freude der Bürgerinnen und Bürger in Mitte Frau Dubrau seit der Berlin-Wahl 2006 nicht mehr Baustadträtin in Mitte ist, und dass jenes Amt (nicht zuletzt Dank unserer BVV-Fraktion mit ihrem Vorsitzenden Piotr Pawlowski) auch von keiner/keinem anderen Grünen besetzt wurde, welche/welcher Frau Dubraus allgemeine Verhinderungs-Politik hätte fortsetzen können.
...
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Re: Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Egon Dobat » 25. Apr 2008, 11:36

Unabhängig davon, wie man zu den Gaslaternen steht, entlarvt doch die auf den ersten Blick scheinbar harmlose Anfrage von Herrn Deutsch die Flachheit, mit der mitunter aus den Parlamenten Forderungen – per Presseerklärung - herausposaunt werden.

Frau Grimm und Mathias Goldstein gebühren Anerkennung für die profunden Beiträge. Unter diesen Gesichtspunkten ist die Presseerklärung von Herrn von Lüdecke peinlich.

Jeder Einzelhandelskaufmann erkennt sofort, dass die Umrüstung ein pekuniärer Wahnwitz wäre. Man könnte es nur unter dem Gesichtspunkt der staatlichen Arbeitsbeschaffung volkswirtschaftlich schön rechnen. Dabei würde aber sich aber wahrscheinlich ein multinationaler Konzern den Auftrag hineinschmieren und ein großer Teil der sta(a)ttlichen Ausgaben fließt via Investorenrenditenanspruch in eine Steueroase.

mfg
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Re: Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Bettina Grimm » 25. Apr 2008, 14:34

Hallo nochmal und Guten Tag,

zur Presseerklärung des Herrn von Lüdecke, der vor einiger Zeit auch schon mal despektierlich von "Gasfunzeln" sprach, möchte ich noch folgendes bemerken. Kiel und Hagen sollen angeblich zur Zeit ihre Gaslaternen "umrüsten". Also,...meine Damen und Herren: In Kiel wurde die öffentliche Gasbeleuchtung bereits 1936 abgeschafft (Quelle: Stadtarchiv Kiel). In Hagen fand die Umrüstung der Gasbeleuchtung größtenteils in den 70er Jahren statt, Grund dürfte die Umstellung auf Erdgas gewesen sein. Dies kostete den Gaslaternen in vielen Städten buchstäblich den (Leuchten-)Kopf. Allerdings wurde im Zentrum von Hagen in der Nähe des Hohenzollernparks vor etwa 2 Jahren ein mehrarmiger Gaskandelaber wunderschön restauriert und leuchtet mit seinen goldgelben Gaslaternen schöner denn je. Die moderne Technik in diesen Laternen stammt im übrigen...Sie ahnen es schon...aus Berlin. Also wirklich ganz schlecht recherchiert. Lediglich mit Worms hat Herr von Lüdecke ansatzweise (leider) Recht. Dort wurde die Gasbeleuchtung ausgeschrieben mit dem Ziel, sie abzuschaffen. Da es offenbar für einen Mitbwerber dabei nicht ganz koscher zugegangen sein soll, ist meines Wissens dort jetzt eine Klage anhängig. Vielleicht sind die etwa 1000 Wormser Gaslaternen noch zu retten, Worms weiß offenbar gar nicht, was es hat. Eingemeindete Weinbau-Vororte mit Gaslaternen, das gibt es sonst nirgends. Die Leuchten sind in einem Top-Zustand. Soweit erst mal. Allen ein schönes Wochenende. Bettina Grimm
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Re: Austausch der Gaslaternen

Beitragvon Mathias Goldstein » 25. Apr 2008, 17:08

Alles unter das Primat der (im hiesigen Fall wohl sehr hinterfragenswerten) Kosteneffizienz zu stellen, unterfüttert nur das Zerrbild vom tumben Neoliberalen. Mal ehrlich: Energiesparlampen sind zwar (im Verbrauch, nicht in der Anschaffung) billiger als Glühbirnen, aber wer von uns hat in seinem Wohnzimmer Energiesparlampen, die durch ihr ungemütlich kaltes Licht das Ambiente einer bäuerlichen Waschküche verbreiten? Oder wer ersetzt Kerzen durch LED-Funzeln, wenn er den Wohnwert anheben möchte?

Wohnstraßen sind erweiterter Wohnraum und ihre Beleuchtung sollte anderen Kriterien unterliegen als die Beleuchtung eines Gewerbegebietes. Die Mär, elektrisches Licht in Wohnstraßen würde ein Mehr an Kriminalitätsprävention bringen, erscheint mir dagegen noch fragwürdiger als die Feinstaubreduktion durch die sogenannte Umweltzone (gegen die das MdA v. Lüdicke stets zu holzen weiss).

Schlimmer noch: Es scheint, als sei die Fraktion auf die getürkten Zahlenspiele der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hereingefallen und propagiert jetzt Kostenersparniss à la Milchmädchen (gerüchteweise werden immer noch einige der PMs des Abgeordneten v.L. in der dortigen Senatsverwaltung von einem Leitenden Mitarbeiter mit FDP-Parteibuch ghostwrited, was die unkritische und für eine Oppositionspartei eigentlich eigentümliche Übernahme von Senatsrechnereien erklären mag).

Ein Meinungsbild innerhalb der Partei zu diesem emotional aufladbare Thema ist meines Wissens nicht eingeholt worden - aber das kann man ja noch nachholen (Egon, Du bist doch jetzt auch im Landesausschuss?) und ggf. lässt sich ja mit Verweis auf die unseriösen Kalkultionen noch zurück rudern, ohne das Gesicht zu verlieren.

Kleiner Hinweis: Die FDP-Hochburgen in unserem Bezirk werden so gut wie alle mit anheimelden Gaslicht beleuchtet. Ob es wirlich so eine gute Idee ist, die schönen Kandelaber mit 08/15 Laternen (Modell "Hagen" oder "Kiel") auszutauschen und dies auch noch als FDP-Erfindung den Anwohnern zu verklickern?
Bild
Typische Charlottenburger Gaslaterne (Suarezstrasse)
Sollte sich die Berliner FDP wirklich für deren Verschwinden in die Brust werfen?
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